Tuesday, February 14, 2006


»Keine weitere Rekrutierung von Kindersoldaten«
Interview mit Banya Kung Aung, ehemaliger Kindersoldat und Kinderrechtsaktivist
Seit Anfang 2004 unterstützt terre des hommes Deutschland ein Programm zur Beendigung der Rekrutierung von Kindern als Soldaten in Myanmar (Burma). Das Programm soll die zahlreichen ethnischen Minderheiten überzeugen, dass sie keine Kinder mehr für ihren Kampf gegen die burmesische Zentralregierung mehr rekrutieren und in den Kampf schicken. Weiterhin hat aber die Armee der burmesischen Militärjunta weltweit die größte Anzahl von Kindern zwangsrekrutiert: Human Rights Watch schätzt, dass etwa 70.000 Jungen unter 18 Jahren in den burmesischen Streikräften dienen müssen.Projektpartner von terre des hommes ist das »Human Rights Education Institute in Burma (HREIB)«. Der HREIB- Koordinator für Kinderrechte und Kindersoldaten ist verantwortlich für die Umsetzung der Programme und Aktivitäten.Das Interview wurde von Tomoko Yamamura, dem Researcher des Asian Regional Resource Center for Human Rights Education (ARRC) für den Newsletter der Coalition to Stop the Use of Child Soldiers am 6. August 2004 geführt.


Im Jahre 2002, veröffentlichte Human Rights Watch Schätzungen, dass zwischen 35 und 45 Prozent der neuen Rekruten in den nationalen Streitkräften Myanmars Kinder sind, das wären mehr als 70.000 der auf 350.000 Soldaten geschätzten Armee. Es wurde auch festgestellt, dass fast alle der bewaffneten Oppositionsgruppen in Myanmar ebenfalls Kindersoldaten rekrutiert und eingesetzt haben. Es ist dies die größte Zahl von Kindersoldaten weltweit, die zudem noch vom Militärregime in Myanmar geleugnet wird. Die Arbeit zur Beendigung des Einsatzes von Kindersoldaten verbleibt damit eine schreckliche Herausforderung für die Menschenrechtsorganisationen, sie können nur außerhalb Myanmars aktiv sein.
ARRC: Wie sind Sie mit der Advocacy- Arbeit gegen den Einsatz von Kindersoldaten in Burma in Kontakt gekommen?
Banya Kung Aung (BKA): Ich wurde als Kindersoldat im Karenni- Staat in den bewaffneten Konflikt hineingezogen. Es ist meine persönliche Erfahrung und habe es auch bei den anderen Kindern im Lager beobachten können, dass die Kindersoldaten keine Hoffnung auf ein besseres Leben haben, selbst wenn sie aus der Armee ausscheiden. Kindersoldaten werden oft von ihren Gemeinschaften nicht mehr akzeptiert, sie werden als «trouble-makers” angesehen. Die Kinder nehmen schlechte Lebensgewohnheiten an. Ich bin der festen Überzeugung, dass für diese Kinder etwas getan werden muss, damit sie ein besseres Leben führen können.
ARRC: Was sind ihre Aufgaben als Koordinator des HREIB Kinderrechtsprogramms?
BKA: Ich bin zuständig für die Advocacy Arbeit und führe den Dialog mit den Nichtstaatlichen Akteuren (NSAs, Non State Actors, internationaler Sammelbegriff für alle nichtstaatlichen bewaffneten Gruppen) die Kindersoldaten einsetzen. Ich dränge sie, den Einsatz und die Rekrutierung von Kindersoldaten zu beenden. Ich stelle den NSAs die Arbeit von HREIB und die internationale, weltweite Advocacy Arbeit zur Beendigung des Kindersoldatentums vor und vermittle ihnen, wie die Situation der Kindersoldaten in anderen Ländern ist. Ich arbeite eng mit der Coalition to Stop the Use of Child Soldiers zusammen, außerdem vertrete ich HREIB im Steering Committee der Southeast Asia Coalition to Stop the Use of Child Soldiers.
Zusätzlich organisiere ich Kinderrechtsworkshops in den örtlichen Gemeinden und führe sie auch durch. Sie sollen das Bewußtsein über die Kinderrechtskonvention und das Zusatzprotokoll über die Beteiligung von Kindern an bewaffneten Konflikten stärken.
ARRC: Welche Schwierigkeiten haben Sie bei Ihrer Arbeit zu bewältigen?
BKA: Zu den wesentlichsten Problemen zählt gehört, dass es verschiedene NSA in Burma gibt. Es gibt an zahlreichen Abschnitten der Grenze unterschiedliche NSAs, so sind Reisen und Besuche auf Grund der Entfernungen ein Problem. Zusätzlich ergeben sich damit auch Risiken für meine persönliche Sicherheit, ich muss verschiedene Länder in der Region bereisen und mit verschiedenen Personen und Solidaritätsgruppen Treffen durchführen, dies ist nicht ungefährlich.
Allerdings, die größte Herausforderung ist der Umgang mit den unterschiedlichen politisch/militärischen Strategien der NSA. Dabei bereiten die sogenannten »Waffenstillstandsgruppen« die größten Schwierigkeiten, weil sie in gewisser Weise zu einer Übereinkunft mit dem State Peace and Development Council (SPDC, Militärregierung von Myanmar) gekommen sind. Besuche bei diesen Gruppen können daher nur unter strengen Sicherheitsvorkehrungen erfolgen, außerdem sind sie nicht offen für Diskussionen über die Rekrutierung und den Einsatz von Kindersoldaten. Mit ihnen ist daher ein Dialog besonders schwierig. Ein weiteres zentrales Problem sind die Widersprüche innerhalb der NSAs. Selbst wenn die Gruppen offiziell erklärt haben, dass sie keine Kinder mehr rekrutieren oder einsetzen wollen, gibt es keine Garantien dafür, dass sie diese Zusagen auch einhalten oder die Umsetzung durchführen.
Ein weiteres großes Problem ist die Tatsache, dass es bisher keine Maßnahmen gibt, auf die Bedürfnisse der ehemaligen Kindersoldaten einzugehen. Wenn die bewaffneten Gruppen auf den Einsatz von Kindersoldaten verzichten würden, müssten diese Kinder in ihre Familien und Gemeinschaften reintegriert werden. Derzeit gibt es keine Organisation, die sich speziell der übergelaufenen oder entlassenen Kindersoldaten annimmt.
ARRC: Wie versuchen Sie, diese Schwierigkeiten zu überwinden?
BKA: Zwei Dinge sind mir besonders wichtig, um die Probleme zu bewältigen. Erstens muss man sehr viel Geduld und Hartnäckigkeit aufbringen, denn die Verhandlungen mit den NSA wird Zeit brauchen. Um die unsere Ziele zu erreichen wird ein ausführlicher Dialog mit ihnen notwendig sein. Außerdem glaube ich, dass es notwendig ist, auszuharren und sich seiner eigenen Überzeugungen immer wieder zu versichern. Zweitens ist die Rolle der Medien, Radio, Zeitungen und Fernsehen für die Anwaltschaftsarbeit von entscheidender Bedeutung, so lassen sich die bewaffneten Gruppen beeinflussen, den Einsatz von Kindersoldaten zu stoppen. Weil es nicht möglich ist, die Gruppen innerhalb Burmas zu Besuchen sind weiterhin Verhandlungen mit ihren in Thailand lebenden Repräsentanten ein guter Weg zu Ergebnissen.
ARRC: Wie gehen sie bei Ihrer Arbeit mit den NSAs und der SPDC vor?
BKA: Es macht wenig Sinn, die NSA öffentlich anzuklagen und zu verkünden, dass ihr Einsatz von Kindersoldaten falsch ist. Ein besserer Weg ist, ihnen zu vermitteln, wie die internationale Öffentlichkeit den Einsatz von Kindersoldaten beurteilt. Einige NSAs haben noch nicht einmal ein Bewußtsein über die Kinderrechte. Ich finde es effektiver, über die Kinderrechte zu informieren und dabei auch die Gründe zu erläutern, warum die Rekrutierung und der Einsatz von Kindersoldaten eine Verletzung dieser Kinderrechte ist und deshalb beendet werden sollte. Die Kinderrechte gehen jeden etwas an, deshalb ist dies ein guter Startpunkt bei dem Dialog mit den NSA.
Was die Militärregierung, die SPDC, angeht, dabei ist der fortgesetzte, gemeinsame Druck der Menschenrechtsorganisationen notwendig. Die Arbeit von regionalen und internationalen Gruppen zur Lobbyarbeit über den Kindersoldateneinsatz durch die SPDC bei den Vereinten Nationen sollte weiter verstärkt werden. Dazu gehört auch, die SPDC über die Medien unter Druck zu setzen.
ARRC: Wie sehen Ihre Idealvorstellungen über DDR-Programme aus (Disarmament, Demobilization, and Reintegration)?
BKA: Für die Kinder ist wichtig, dass sie Schulausbildung und die notwendigen Fähigkeiten bekommen, um so ein neues Leben beginnen zu können. Außerdem brauchen die Kinder Unterstützung bei der Reintegration in ihre Familien und Gemeinschaften. DDR ist ausserdem entscheidend, um Re-Rekrutierungen zu verhindern.
ARRC: Welche Fähigkeiten und Kenntnisse benötigen Sie, um Ihre Arbeit zu verbessern?
BKA: Ich hätte gern mehr Kenntnisse über die internationalen Mechanismen und Erfahrungen aus anderen Ländern über die KindersoldatenprobIematik. Auch würde ich gern die afrikanischen Regionen besuchen, in denen es Kindersoldaten gibt und mehr über ihre Erfahrungen und guten Beispiele im Bereich DDR erfahren. Das Gleiche gilt für die Erfahrungen in Sri Lanka. Noch wichtiger sind für mich persönlich Fähigkeiten im Bereich internationale diplomatische Beziehungen.
ARRC: Was motiviert Sie bei Ihrer Arbeit und warum?
BKA: Ich bin besonders motiviert, wenn einige der NSAs zu Gesprächen über Kindersoldaten bereit sind, mit mir Informationen austauschen oder sogar die Initiative ergreifen und über die Entlassung, Rehabilitation und Reintegration von Kindersoldaten verhandeln. Und natürlich inspirieren mich die regionalen und internationalen Aktionen, die ein Ende des Einsatzes von Kindersoldaten weltweit fordern.

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